Linda
Troeller / Marion Schneider
The Erotic Lives of Women - begleitende Texte
Erotik
Eros
ist ein griechischer Gott – der Gott der Liebe, der bei
den Römern Amor hieß. Eros ist Sohn von Aphrodite,
der Göttin der Schönheit und Liebe, sowie Ares, dem
griechischen Kriegsgott; Pfeil und Bogen liegen ihm somit im
Blut.
In
der griechischen Sprache bedeutet Erotik heute hingebungsvolle
Liebe. Im Deutschen wie auch im Französischen ist diese
Definition nicht zutreffend. Hier kann Erotik zwar auch mit
Liebe zu tun haben, hat aber auf jeden Fall einen körperlichen
Aspekt, eine Verbindung hin zum Sexuellen, aber auch eine intellektuelle
Komponente – Erotik ist etwas für Kenner, Leser,
Liebhaber, wissender Sex sozusagen, im Gegensatz zu Sex, welcher
als Hauptwort die rein körperliche Begegnung von mindestens
zwei Menschen beschreibt. Da in der englischen Sprache „sex“
das Geschlecht bezeichnet, es durch diese Doppeldeutigkeit für
die sexuelle Betätigung nicht so uneingeschränkt brauchbar
ist, benötigt die englische Sprache das Wort Erotik auch
für Bereiche, die z.B. in der deutschen Sprache eher der
Pornographie zuzurechnen sind bzw. mit dem Wort „Sex“
abgedeckt werden können. Das Wort Erotik hat also im englischen
Sprachbereich immer auch eine anrüchige Komponente, im
deutsch/französischen eher eine intellektuelle.
Erotik
drückt sich im Körper aus. Ich übersetzte es
in Marokko, Kenia und dem Regenwald Brasiliens, wo das Wort
Erotik aufgrund der Kulturtradition nicht bekannt ist, mit dem
Gefühl, was sich einstellt, wenn man in die Welt der Erwachsenen
eintritt. Zur Auslösung dieses Körpergefühls
bedarf es eines Reizes. Der Reiz muß groß genug
sein, also eine bestimmte Schwelle überschreiten, um die
erotische Reaktion zu bewirken, die man mit vermehrter Energie-
und/oder auch Blutzufuhr in bestimmte Körperregionen bemerken
kann. Sehr oft ist es ein visueller Reiz – vermehrt in
der immer visueller werdenden Welt mit Fernseher, Computer,
Video, Kino – z.B. der Anblick einer attraktiven Person
oder bestimmter Körperregionen derselben. Die erotische
Reaktion kann auch auf Musik, Berührung, Geruch, Erinnerung,
Stimmen u.a. erfolgen.
Für
die Person, die den Reiz und die Reaktion darauf erlebt, stellt
sich unmittelbar damit verbunden die Frage, wie sie oder er
darauf reagiert. Wird akzeptiert und das Gefühl weiterverfolgt
oder wird unterdrückt? Die Entscheidung hierüber hat
mit Herrschaft zu tun, mit der Herrschaft der Person selbst
über ihren bzw. seinen Körper wie auch mit der Herrschaft
von anderen, z.B. des Ehepartners oder der Gesellschaft, darüber.
Seit Jahrtausenden ist die Herrschaft der Frau, ihren Körper
betreffend, zunehmend von der Frage sexueller Enthaltsamkeit
dominiert worden, während die Herrschaft des Mannes über
den Körper unendlich viele Facetten aufweist, da der Mann
generell die Herrschaft verkörperte – nicht jeder
Mann, aber jeder Mann doch viel mehr als die meisten Frauen
– sei es im Sport, im Kampf, in der Jagd, im Handwerk,
im Denksport – viele Männer üben die Beherrschung
ihres Körpers täglich.
Im
Matriarchat wurde die Frau als Quell der Fruchtbarkeit und des
Lebens verehrt und geachtet. Die Familie zentrierte sich um
die Mutter. Erst als Privateigentum in Abgrenzung zu gemeinsamem
Eigentum und auch dem Eigentum anderer wichtig wurde, spätestens
also mit der systematischen Viehhaltung, die im Raume des heutigen
Mittleren Ostens besonders früh begann, wurde die Frage
wichtig, von welchem Vater das Kind stammte, denn es ging um
das Erbe. Der Besitz sollte an das leibliche Kind übergehen,
und der Besitz war, was das Vieh und das Weideland betraf, dem
Mann zugeordnet.
So
wie Weideland und Vieh als Teil der Natur zum Privateigentum
wurde, wurde es auch der Körper – zunächst der
Körper der Frau. Der Mann wollte sicher sein, dass sie
nur seine Kinder empfangen und gebären würde. Nun
ist unser Körper für uns selbst das ursprünglichste
Stück Natur, was wir kennen, denn der Körper ist reine
Natur. Verändert sich unser Verhältnis zu unserem
Körper, verändert sich auch unser Verhältnis
zur Natur. In dem Moment, wo die Frau und damit ihr Körper
zu Privatbesitz wurde, wurde sie zum Objekt. Im Prozeß
der Beherrschung der Natur wurde die Frau genauso Objekt wie
die Erde, die Bäume, die Berge und die Tiere. Mit ihr wurden
zunehmend andere versklavt, die so gezwungen wurden, unliebsame
Arbeiten zu verrichten. Sklaverei und Leibeigenschaft wurden
gängig und damit auch Krieg.
Wenn
wir an die Vertreibung aus dem Paradies denken, wie sie in der
Bibel beschrieben wird, erinnern wir uns an den Baum der Erkenntnis.
Wissen macht den Menschen Gott gleich, was von Gott bestraft
wird. Der Mann soll im Schweiße seines Angesichts arbeiten
und die Frau unter Schmerzen gebären. Als die weißen
Siedler in Nordamerika sahen, dass bei den Ureinwohnern dort
die Frauen die Feldarbeit verrichteten und dabei glücklich
waren, erschien ihnen das so unerträglich, dass nur die
Auslöschung dieser Kultur für sie eine Lösung
ergab. Es geht jedoch nicht nur um die Erkenntnis, die die Vertreibung
aus dem Paradies bewirkte, es geht um das Verhältnis zur
Natur. Während in paradiesischer Zeit die Harmonie mit
der Natur dazu führte, die Kräfte der Natur für
Heilung und Problemlösung nutzbar zu machen, wurde in dem
Prozeß der Ausbeutung der Natur die Naturheilkunde zur
Wissenschaft, und Wissenschaft ist Herrschaft. Die Frauen und
die Schamanen wurden in die Wissenschaft gar nicht erst eingelassen,
und ihr Jahrtausende altes Wissen wurde verbannt und verbrannt.
Erst
die Demokratie, die Durchsetzung der Rechte der Mehrheit gegen
die Beherrschung durch eine Minderheit, machte der Willkür
der Ausbeutung ein grundsätzliches Ende. Der Prozeß
der Demokratisierung der Welt ist noch nicht beendet und es
gibt noch enorme Kräfte, die ihre Privilegien nicht kampflos
aufgeben wollen. Die Demokratie hat jedoch mit ihrer Rechtsstaatlichkeit
ein System ins Leben gerufen, das es ermöglicht, friedlich
miteinander zu leben – und das bietet die Chance, dass
mehrheitliche Vernunft den egoistischen Kräften ihre Schranken
zuweist. So bot und bietet die Demokratie den Frauen die Chance,
am gemeinschaftlichen Leben gleichberechtigt teilzuhaben.
Erst
die Anti-Baby-Pille und die legale Abtreibung jedoch brachte
für die Frauen die unbeschränkte Freiheit. Jetzt kann
eine Frau jederzeit selbst über ihr Leben bestimmen, indem
sie bestimmt, wann und mit wem sie Kinder hat. So ist es nicht
erstaunlich, dass die US-Regierung über ihre Entwicklungshilfe-Organisation
US-Aids jede Organisation, die Finanzmittel von ihr erhält,
dazu zwingt, zu unterschreiben, dass sie nicht mehr aktiv die
Anti-Baby-Pille propagiert oder ihre Verbreitung unterstützt
– ansonsten werden keine US-Dollar mehr fließen.
Diese Regierung möchte die Herrschaft über den Körper
der Frau nicht verlieren. Anstelle des Respekts vor der Natur
geht es dominant um die Ausbeutung der Natur.
Demokratie
bietet Frauen die Chance auf Respekt. Sie kann sich vor Ausbeutung
und Gewalt eher schützen, und der Staat hilft ihr dabei.
Sie kann für sich und möglicherweise auch für
ihre Kinden den Lebensunterhalt selbst verdienen und sich somit
aus ungewollter Abhängigkeit lösen. Sie wird vom Objekt
zum Subjekt, von der Abhängigen zur Handelnden.
Mit
dem vermehrten Eintritt der Frau in das Erwerbsleben tritt sie
in den Wettbewerb mit dem Mann. Sie kann nicht erwarten, dort
mit offenen Armen enpfangen zu werden. Sie nimmt dem einen Teil
der Menschheit, der seit Jahrtausenden seine Privilegien gesichert
hat, was zu seiner Natur wurde, etwas weg. Sie verfügt
zunächst auch noch nicht über Macht und Einfluß
an den Orten, wo Entscheidungen getroffen werden, sei es in
Berufungsgremien, sei es in den Medien oder den Politik- und
Staatsorganen. Im Prozeß der Aneignung von Macht in der
Demokratie ist deshalb Solidarität der Frauen untereinander
wie auch von Teilen der Männer, die sich zur vermehrten
Einflussnahme der Frauen bekennen, hilfreich.
Mit
dem Privateigentum wurde die Ausbeutung der Natur zum Prinzip.
Parallel zu diesem Prozeß entwickelte sich die Ausprägung
von Stereotypen, die damit in Verbindung stehen: was verbinden
wir mit einer Frau, wenn wir sie sehen oder von ihr hören,
was mit einem Mann, Prozesse, die ohne unser Zutun ablaufen,
weil sie über lange Zeiten tradiert sind. Wir reagieren,
wenn wir uns von Stereotypen leiten lassen, also nicht auf die
konkrete Person, sondern auf die Vorstellung dessen, was sie
gemäß der Stereotype repräsentiert und lassen
uns dominant davon leiten. Mit dem Eintritt der Frau in die
Domänen der Männer funktionieren diese Stereotypen
teilweise nicht mehr, werden zur Last und zum Hindernis. Dies
bietet allen neue Möglichkeiten. Vermehrter Respekt vor
der Wirklichkeit schafft auch die Chance von vermehrtem Respekt
vor der Natur. Interesse an allen Aspekten von Wirklichkeit
bringt Frauen die Chance, ihr Wissen von Wirklichkeit, ihre
Erfahrungen einzubringen und mit herrschen zu lassen. Ganzheitlichkeit
kann vermehrt an die Stelle von Ausbeutung treten, weil es notwendig
wird und weil Mehrheiten dafür gefunden werden. Was dabei
so motivierend ist, ist die Tatsache, dass jede/r einzelne von
uns hierzu einen Beitrag zu leisten vermag. Alle sind wichtig.
