Angriff
auf den Irak?
Keine
neue Idee, ein Land anzugreifen, um es zu befreien. Napoleon wurde
dafür berühmt. Präsident Bush nennt dieses Motiv
nicht als primäres. Primär geht es ihm um Sicherheit
für sein Land und die Welt. Doch wird ein Krieg gegen den
Irak die Welt sicherer machen? Und: heiligt der Zweck die Mittel?
Die
Entwicklung eines Landes hin zur Demokratie braucht Zeit. Wir
können dies durch historische Studien der Entwicklung vieler
Länder bestätigen. Die Länder benötigen verschieden
lang, und Phasen von Liberalismus können von Phasen der Diktatur
abgelöst werden, bis sie wieder demokratische Phasen erreichen.
Demokratien können dies an ihrer eigenen Entwicklung studieren.
Sieht
man die Entwicklung der Nationen hin zur Demokratie als erwachsen
werden - und viele spricht dafür - dann ist die Frage, ob
äußere Repression diesen Prozess beschleunigen kann.
Es geht von diesem Blickwinkel aus betrachtet um die Frage, wie
nachhaltig Zwang die Einsicht fördert, äußerer
Druck innere Stabilität bewirkt. Die modernen Erziehungstheorien
gehen von Vorbild- und Überzeugungswirkung als nachhaltigste
pädagogische Maßnahmen aus - natürlich im Rahmen
gesetzter Grenzen.
Handeln
die USA als ein Vorbild, wenn sie den Irak angreifen, ohne alle
Mittel einer friedlichen Lösung bis ins Letzte eingesetzt
zu haben? Anders als zu Zeiten Hitlers haben wir eine Weltgemeinschaft
mit wirkungsvollen legislativen, judikativen wie exekutiven Mitteln,
Grenzen zu setzen und ihre Einhaltung zu erzwingen. Wir haben
eine große Mehrheit von Staaten, die gewillt sind, dies
zu tun und dafür Einsatz zu bringen. Die Weltgemeinschaft
erfordert Opfer. Kein Land kann wie ohne sie vermeintlich autonom
handeln. Proklamationen ohne vorherige Abstimmung bringen Probleme.
Im
autoritären Weltbild zeichnet sich ein starker Führer
dadurch aus, dass er schnelle, einsame Entscheidungen trifft,
die seine Untertanen willig befolgen sollten. Ein moderner Führer
stimmt sich mit seinen Abteilungsleitern ab, die wiederum in Kontakt
mit den einzelnen Mitarbeitern stehen, und Entscheidungen basieren
auf einem kontinuierlichen Zustimmungsprozess, denn moderne Führer
brauchen Mitarbeiter, die mitdenken und nicht nur blind ausführen.
Genau dieselben Prozesse sind auch in einer Staatengemeinschaft
vonnöten: Abstimmungsprozesse. Natürlich benötigen
sie Zeit. Der Vorteil aber ist ein gemeinsames Handeln und die
wesentlich größere Chance der Vermeidung tiefgreifender
Konflikte, die zu Aggressionen führen könnten. Der Vorteil
ist also ein friedliches Ergebnis.
Ist
zum einen ein gewisser Zeiteinsatz nötig, Gemeinsamkeit zu
erreichen, so ist zum anderen die Bereitschaft, dem anderen zuzuhören
und den anderen Standpunkt verstehen zu wollen, vonnöten.
Autoritäre Führer brauchen das nicht. Sie wissen, was
sie wollen und fühlen sich dadurch stark. Demokratische Führer
suchen das Verständnis, um optimale Ergebnisse zu erzielen.
Autoritäre Führer glauben, sie wüssten das beste
Ergebnis, auch ohne den Gegenpart anzuhören. Dies gehört
zu ihrem Rollenbild.
Autoritäre
Führer lassen sich weitgehend von Stereotypen leiten, Bildern,
die festlegen, wie sie zu handeln haben und wie sie annehmen,
dass andere gemäß ihrer Stereotypen handeln. Natürlich
sind demokratische Führer, ist niemand frei von Stereotypen,
doch sie lassen sich in erster Linie von Zielen leiten, um erfolgreich
zu sein.
Nun
steht die Welt im Wechselspiel autoritärer und demokratischer
Führer und Führungsmodelle. Umso notwendiger ist es,
gemeinsame Ziele festzulegen und für ihrer Einhaltung zu
sorgen. International, versteht sich, denn kein Land kann mehr
ohne Verbindung zu anderen Ländern bestehen.
Wird
die USA, die sich als Hort der Demokratie begreift und darstellt,
Vorbild sein, wenn sie den Irak angreift, ohne die rechtsstaatlichen
Prozesse eingehalten zu haben? Ohne juristisch definitiv verwertbare
Beweise, ohne Gerichtsverfahren? Und muss ein ganzes Land, Irak,
einen Angriff ertragen, wenn der Führer Saddam Hussein sich
unrechtmäßig an der Macht hält? Sind dann nicht
andere Maßnahmen geboten und zu finden, die von der Weltgemeinschaft
durchgesetzt werden können?
Wird
die USA die Öffentlichkeit in der Welt überzeugen, wenn
sie eigenmächtig handelt? Geht es der Führung der USA
darum, die Öffentlichkeit zu überzeugen? Dann erwartet
diese nachhaltige und langanhaltende Überzeugungsarbeit ohne
Erpressung. Auch dies ist eine Frage der Zeit. Überzeugungsarbeit
braucht Zeit.
Wie
wollen wir den Terrorismus beenden, wenn die, die die polische,
legislative und/oder juristische Macht besitzen, sich nicht strikt
an die Gesetze halten, die gelten? Wenn sie nicht zeigen, dass
sie bereit sind, Verständnis aufzubringen für die, die
ihrer Herrschaft unterworfen sind oder für sich geltend machen,
unter ihrer Herrschaft zu leiden?
In
der Zeit der Globalisierung und Interdependenz sind die Bindungsgesetze
von Familie, Sippe und Nation den Zielen von friedlichem Miteinander,
gegenseitigem Verständnis und der Suche nach gemeinsamer,
abgestimmter Entwicklung unterzuordnen. Wieso, könnte man
sagen, Kriege können doch jetzt wesentlich effektiver geführt
werden. Schnell und schmerzlos. Siehe Afghanistan. Sicher, im
Vergleich zum Zweiten Weltkrieg war der Krieg gegen El Kaida in
Afghanistan schnell. Aber kein Krieg ist schmerzlos. Jeder Tote
ist ein Toter zu viel. Der Schmerz der Überlebenden ist nicht
nur lebenslang, sondern besteht über Generationen hinweg
und hat Folgen. Hier setzt die Verantwortung eines modernen, demokratischen
Politikers an: Verantwortung für jedes einzelne Leben zu
übernehmen. Und eben nicht nur der eigenen Familie, Sippe,
Nation, sondern auch das der anderen Länder, aller Länder,
aller Gemeinschaften.
Sicher
müssen Terroristen die Härte des Gesetzes zu spüren
bekommen. Doch sie müssen fair behandelt werden von denen,
die über sie demokratische Macht ausüben. Nicht nur,
um nicht noch mehr Hass, mehr Gewalt zu säen. Auch, weil
die, die die politische Macht inne haben, zeigen müssen,
was Demokratie bedeutet, um andere von ihr zu überzeugen.
Fairness
mit Mördern? Ja. Jeder einzelne Mörder muss ein Gerichtsverfahren
erhalten. Er muss die Chance haben, seine Position darzustellen
und seine Untaten im Verlauf des Prozesses überdenken zu
können. Der Rechtsstaat muss für alle gelten, denn wer
legt sonst fest, wo er aufhört und für wen er nicht
mehr gilt? Könnten die Grenzen dafür fair sein?
Alle
kennen wir unser Bedürfnis nach Fairness aus Familie, Schule
und Sport. Und das Glück, das es bringt, wenn Autoritäten
Fairness walten lassen. Weil jeder von uns ein Mensch ist. Die
Zeit der Verteufelung sollten wir im Mittelalter lassen. Dies
gilt besonders für die, die politische Verantwortung tragen.
