New
York, 17. Februar 2003 
Hier
in den USA ist man inmitten der Vorbereitung eines Krieges. Wir
in Deutschland erklaeren es uns mit dem Drang nach Oel und Weltmacht.
Es ist aber auch, und dies ist nur von innen her zu entdecken, der
politische wie ideologische Wettbewerb der Parteien, der die Welt
in diese Lage brachte.
Gerade
wurde eine Umfrage oeffentlich, dass die US-Bevoelkerung den Republikanern
zu 47, den Demokraten nur zu 16 Prozent zutraut, Amerika Sicherheit
zu verschaffen (Newsweek vom 17.2., S. 72). Die Republikaner mussten
acht Jahre lang Clintons Politik, die sich durch Weltoffenheit,
Toleranz, dem Drang nach Weltintegration, freiem Handel und Frieden
auszeichnete, ertragen. Diese politische Richtung widerspricht der
Weltsicht und den Prinzipien vieler Amerikaner.
Nun
endlich, mit der Uebernahme der politischen Verantwortung durch
Bush, sind Religiositaet, Autoritaet, Sicherheit durch Staerke und
Dominanz, Nationalismus und vermeintlicher Staatsabbau wieder in
den Mittelpunkt der Politik gerueckt. Diese Gewichtsverlagerung
zieht eine Menge von Bewegungen nach sich.
Fuer
viele Republikaner ist es eigentlich Clinton, der mit seiner laschen
Sicherheitspolitik den 11. September zu verantworten hat. Fuer sie
ist es in Wirklichkeit auch Clinton, der die jetzige Wirtschaftskrise
herbeifuehrte, da sich oekonomische Weichenstellungen immer erst
Jahre spaeter bemerkbar machen. Somit basteln sie in ihrer Welt
an der Reparatur der Schaeden eines schwachen Praesidenten.
Clinton
hat dem derzeit nicht viel entgegenzusetzen. Er verfuegt nicht ueber
politische Machtpositionen nennnenwerter Qualitaet. Seine Partei
ist durch die Terrorismusdebatte zwischen Nationalismus und Friedensorientierung
hin und hergerissen. In seiner Rede in Atlanta am 13. Februar erlaeuterte
Clinton, dass es fuer ihn in der heutigen Welt aus der Interdependenz
kein Entkommen gibt, weshalb er fuer Integration plaediert, um die
mit der Interdependenz verbundenen Probleme am schnellsten, effektivsten
und reibungslosesten zu loesen. Gemeinsame, miteinander geteilte
Verantwortungen, Werte und Vorteile bringen die Menschen zusammen
und lassen sie dauerhaft miteinander friedlich leben. Und
wenn Sie nur dies mit nach Hause nehmen, die Notwendigkeit der Integration
in einer interdependenten Welt, dann bin ich schon zufrieden,
erlaeuterte der ehemalige Praesident.
So
logisch und verstaendlich diese Orientierung ist, so sehr die Menschen
den Frieden ersehenen, so schwierig ist es auf der anderen Seite,
den Mut zu besitzen, fuer Verhandlungen und den umfassenden Einsatz
rechtsstaatlicher Mittel zu plaedieren, wenn die herrschende politische
Kraft in den USA mit dem Verlust der inneren und aeusseren Sicherheit
droht. Wer moechte schon dafuer verantwortlich sein, wenn auf einen
neuen terroristischen Angriff wegen friedvoller Orientierung nicht
fruehzeitig genug reagiert wurde? Die Idee eines Praeventivschlages
durchzieht folglich alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens,
und derzeit wird die Integration zugunsten des Nationalismus geopfert
oder, anders ausgedrueckt, die Verstaendigung zugunsten des Egoismus
oder die Diplomatie zugunsten der Drohung mit Gewalt.
War
nicht die uneingeschraenkte Solidaritaet der ganzen Welt nach dem
11. September nicht genug fuer die Regierung der USA, sich sicher
zu fuehlen? Zunaechst schien es so. Doch diese Solidaritaet kann
auf Dauer nicht die wesentliche Stossrichtung der jetzt herrschenden
Politik der USA befrieden, naemlich die nach Autarkie und Dominanz.
Sie ist der nach den acht Jahren Clinton umso expressivere Gegenpol
amerikanischer Integrationsbestrebungen. Zwei Jahre reichen ihr
bei weitem nicht aus, ihre lange unterdrueckten Machtbestrebungen
in die Wirklichkeit umzusetzen, ihre in den Jahren der Dominanz
der Demokraten entwickelten Plaene und Ziele sind noch lange nicht
umgesetzt. Dazu gehoert der Sturz von Saddam Hussein, der fuer diese
politische Richtung beschlossene Sache ist wie Bush es ausdrueckt:
The game is over. Er meint dabei Hussein, nicht sich
selbst und wird alles dafuer tun, dass dies auch so bleibt.
Er hat doch gerade erst angefangen.
So
scheint ihn und seinen Beraterstab eine moeglicherweise zunehmende
aussenpolitische Isolierung und Interessensdivergenz genauso wenig
zu stoeren wie die weltweiten, aber auch nationalen Proteste gegen
einen Angriff auf den Irak. Bush fuehlt ein Sendungsbewusstsein,
getragen von seinen Prinzipien der nationalen Sicherheit und internationalen
Politik der Staerke. Ihn in seiner Mission aufzuhalten bedarf es
zunaechst einmal Mut. Frankreich und sein Aussenminister haben ihn
bewiesen. Eine unteschwellige antifranzoesischer Stimmung in Teilen
von Amerika ist die Folge. Zwei Witze dazu: was koennte die Franzosen
zu einem Krieg gegen den Irak bewegen? Die Entdeckung, dass es dort
Trueffel gibt. Oder: was sind zehntausend Franzosen mit erhobenen
Haenden? Eine franzoesische Armee. Diese Stimmung, die durchaus
auch gegen Deutschland gerichtet sein koennte, haelt sich derzeit
noch in Grenzen, da die weltweiten Antikriegs-Demonstrationen und
der Bericht von Blix und ElBaradei auch in den USA vermehrt Zweifel
aufkommen lassen, ob ein Krieg gegen den Irak unbedingt noetig ist,
um die innere Sicherheit zu schuetzen. Doch da bleibt noch das Argument,
dass Saddam Hussein ein unberechenbarer Diktator, Hitler vergleichbar,
ist und dass sein Verbleib in seinem Amt eine Gefahr fuer die Welt
darstellt. Diese Frage ist weder fuer die amerikanische Regierung
noch fuer die amerikanische Oeffentlichkeit zufriedenstellend beantwortet
und es scheint, als ob Bush darauf besteht, Hussein zu entmachten
und womoeglich auch zu toeten. Mehrmals habe ich dies waehrend meines
Aufenthaltes gehoert und gelesen. Ohne Gerichtsverfahren, versteht
sich.
New
York, 17. Februar 2003
