{"id":3822,"date":"2018-07-03T20:00:34","date_gmt":"2018-07-03T18:00:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.marionschneider.com\/?p=3822"},"modified":"2018-07-03T20:00:34","modified_gmt":"2018-07-03T18:00:34","slug":"die-dunkle-seite-des-mondes-befindlichkeiten-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.marionschneider.com\/de\/die-dunkle-seite-des-mondes-befindlichkeiten-in-deutschland\/","title":{"rendered":"Die dunkle Seite des Mondes &#8211; Befindlichkeiten in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.marionschneider.com\/wp-content\/uploads\/180703-mond-hinter-dunklen-wolken.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3823 alignnone\" src=\"https:\/\/www.marionschneider.com\/wp-content\/uploads\/180703-mond-hinter-dunklen-wolken-640x427.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.marionschneider.com\/wp-content\/uploads\/180703-mond-hinter-dunklen-wolken-640x427.jpg 640w, https:\/\/www.marionschneider.com\/wp-content\/uploads\/180703-mond-hinter-dunklen-wolken-250x167.jpg 250w, https:\/\/www.marionschneider.com\/wp-content\/uploads\/180703-mond-hinter-dunklen-wolken-550x367.jpg 550w, https:\/\/www.marionschneider.com\/wp-content\/uploads\/180703-mond-hinter-dunklen-wolken-270x180.jpg 270w, https:\/\/www.marionschneider.com\/wp-content\/uploads\/180703-mond-hinter-dunklen-wolken-450x300.jpg 450w, https:\/\/www.marionschneider.com\/wp-content\/uploads\/180703-mond-hinter-dunklen-wolken.jpg 720w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Zum zweiten Mal ist mir das jetzt passiert. Einmal am Telefon. Einmal h\u00f6chstpers\u00f6nlich. Beide Male geschahen mir dieses Jahr. Jedes Mal war der Tag f\u00fcr mich danach gelaufen. Ich war wie zerschmettert, meine Motivation auf null gesunken. Ich wollte alles hinwerfen. Komisch, dass es mir vorher noch nie passiert ist. Hat es etwas mit mir zu tun oder hat es etwas mit diesem Jahr zu tun?<\/p>\n<p>Was war passiert?<\/p>\n<p>Ich hatte mit jeweils einer Frau gesprochen, einmal eine Vertreterin des Amtsgerichts, das zweite Mal eine Vertreterin einer politischen Partei. Ich hatte ihnen meine Lage so gut ich es konnte in Worten dargestellt. Jedes Mal war ich einem Konflikt ausgesetzt, der eine Organisation betraf. Jedes Mal war ich durch Entscheidungen \u2013 einmal vom Amtsgericht, einmal von der politischen Partei \u2013 pers\u00f6nlich betroffen und musste Konflikte l\u00f6sen, die die ganze Organisation betrafen. Meine beiden Gespr\u00e4chspartnerinnen vertraten die Linie ihres Gerichts\/ihrer Partei. Ich brachte alle vorhandenen Folgen zur Sprache, die diese Linien bewirkten und man kann dies auch Problemdarstellung nennen. Die beiden Vertreterinnen blieben bei ihrer Linie. Ich hatte sie also nicht \u00fcberzeugt. Nun begann ich im zweiten Schritt, diese Linie zu kritisieren, sie in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang zu stellen, die Hintergr\u00fcnde wie die Folgen dieser Linie f\u00fcr meine Organisation auszumalen. Anders ausgedr\u00fcckt: ich pr\u00e4sentierte ihnen meine Meinung zu ihrer Linie bzw. Gesetzesauslegung bzw. Entscheidung. Was passierte? Die Vertreterin des Amtsgerichts legte einfach auf, die Vertreterin der politischen Partei lie\u00df mich einfach stehen.<\/p>\n<p>Jedes Mal war ich mit den Folgen meiner Handlung allein gelassen. Die Folgen betrafen nicht nur mich, sondern auch die Organisation, f\u00fcr die ich sprach. Jedes Mal erlitt ich eine Niederlage. Nat\u00fcrlich hatten die beiden Damen das Recht und die Freiheit, sich so zu verhalten. Doch ich frage mich andererseits, ob sie sich bewusst sind, dass sie unter anderem von mir daf\u00fcr bezahlt werden, eine Dienstleistung f\u00fcr mich zu erbringen. Offensichtlich haben diese selbstverst\u00e4ndlichen monatlichen Gehaltszahlungen eine Sicherheit bewirkt, die sich nun gegen mich richtet. Sie haben gar kein Interesse mehr daran, mir zu helfen. Jedenfalls glauben sie, dass sie ein Recht darauf besitzen, in einer ganz bestimmten Weise behandelt zu werden.<\/p>\n<p>Ich versichere Ihnen, ich habe mich nicht respektlos ausgedr\u00fcckt. Ich habe entschieden, diesen beiden Damen ganz offen Zugang zu meinen Gedanken und Gef\u00fchlen zu erm\u00f6glichen. Ich dachte, sie dadurch zu Mitgef\u00fchl und schlie\u00dflich Verst\u00e4ndnis zu bewegen und dadurch zu bewirken, dass sie mir helfen. Ich habe das Gegenteil erreicht.<\/p>\n<p>Nun denke ich aber weiter. Ist dieser, mein Zustand, sind diese Situationen nicht symptomatisch f\u00fcr den Zustand in Deutschland? Wie steht es denn hier um die Offenheit und Kritik? Leben wir \u00fcberhaupt in einem freien Land? Freiheit bedeutet doch, dass wir vorbehaltlos unsere Meinung \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen, damit die jeweils anderen ein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr entwickeln und dann darauf antworten k\u00f6nnen. Erst muss also jemand seine Meinung frei \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen. Dazu muss der andere genau und gut zuh\u00f6ren, denn sonst versteht er oder sie diese Meinung oder Denkweise oder Situationsdarstellung ja nicht. Erst nach dem Verst\u00e4ndnis der Meinung bzw. Anschauung des anderen kann man qualifiziert auf diese Argumentation antworten. Man muss sich also auf etwas einlassen, wenn man jemanden verstehen m\u00f6chte. Merkt man jedoch, dass dieser andere eine Meinung hat, die sich sowieso nicht durchsetzen l\u00e4sst oder die Probleme bereitet, die derzeit unl\u00f6sbar sind, so setzt bei vielen eine Sperre ein. Das gemeinsame Denken wir blockiert und die andere Meinung abgewehrt. Ein selbstverst\u00e4ndlicher Vorgang. Es beginnt ein Kampf oder das Gespr\u00e4ch wird beendet. Eine solche Art von m\u00f6glicherweise sogar Aneinanderreihungen von Meinungs\u00e4u\u00dferungen f\u00fchrt jedoch so nicht zu einem Dialog, einem gemeinsamen Entwickeln von L\u00f6sungen. Dazu m\u00fcsste die andere Seite bereit sein, die Gedanken des anderen weiter zu entwickeln bzw. mit den Gedanken der anderen mitzugehen. Hier jedoch setzt eine Blockade ein, z.B. ein Tabu. Obwohl da ein Gesetz, welches die M\u00f6glichkeit eines bestimmten Vorschlags verunm\u00f6glicht, die Entwicklung eines bestimmten Vorschlags be- oder verhindert. Oder eine pers\u00f6nliche Befindlichkeit oder Erfahrung, die ein Eingehen auf die Gedankenwelt des anderen verunm\u00f6glicht. Hier wird dann also der Dialog blockiert oder abgebrochen, die Gedankenwelt des anderen nicht aufgegriffen und nicht weiterentwickelt oder auch in eine andere Richtung gef\u00fchrt oder mit sachlichen Gegenthesen beantwortet.<\/p>\n<p>Als ich sechzehn Jahre alt war, war meine damals wichtigste Erkenntnis, die mir durchunsere Referendare an der Schule vermittelt wurde, das Verst\u00e4ndnis dieser einfachen Dialektik: These &#8211; Gegenthese &#8211; Synthese. Bis heute sehe ich darin die Grundlage eines konstruktiven Dialogs. Ich w\u00fcnsche mir also eine Gegenposition, um weiterzukommen, eine gleichf\u00f6rmige Meinung interessiert mich weniger (sie tut nur manchmal gut), da diese lediglich eine Best\u00e4tigung des Status Quo bzw. des Bestehenden ist. So komme ich doch nicht weiter: sich gegenseitig immer wieder zu beteuern, dass alles gut ist. Ein Weiterkommen, eine Verbesserung basiert auf Kritik: was ist nicht gut, was kann noch verbessert werden, wo liegen Schw\u00e4chen, was tut weh, was funktioniert nicht? Wenn ich gute Leistungen erbringen will, muss ich diese Fragen beantworten, wenn sie mir begegnen. Es ist sogar so, dass gerade diese Fragen mich zu einer besseren Leistung bringen werden \u2013 besser gesagt, meine Antworten darauf. Kritik sehe ich somit als Motor der Ver\u00e4nderung. Kritik muss auch nicht immer negativ sein. Entscheidend aber ist eine Atmosph\u00e4re, in der Kritik m\u00f6glich ist oder wird. Daf\u00fcr sind wir alle verantwortlich. Wie viel Vertrauen, menschliche W\u00e4rme, Schutz und Sicherheit geben wir einander, damit wir es wagen, unsere Meinung offen zu \u00e4u\u00dfern? Wollen wir \u00fcberhaupt eine andere als unsere eigene Meinung h\u00f6ren? Mit welchen Menschen umgeben wir uns \u2013 nur mit solchen, die eine gleiche Meinung haben wie wir selbst? Suchen wir die Kritik? Brauchen wir sie?<\/p>\n<p>Schaue ich heute, 2018, auf Deutschland, so stelle ich fest, dass die konstruktive Kritik an den Rand der Gesellschaft gedr\u00e4ngt worden ist. Die Kritik, die heute m\u00f6glich ist, h\u00e4ngt sich an Kleinigkeiten auf. Es werden exemplarisch Streitigkeiten, Probleme in sozialen Beziehungen und Talkshows im Fernsehen gezeigt und der Eindruck vermittelt, dass wir doch \u00fcber alles reden k\u00f6nnen. Aber wie sieht es aus, wenn wir an der Politik unserer Regierung oder der Parteien oder der Beh\u00f6rden und \u00c4mter offen Kritik \u00e4u\u00dfern? Ist diese gew\u00fcnscht? Wie weit ist es m\u00f6glich, sie zu \u00e4u\u00dfern? Wann wird die Toleranzschwelle \u00fcberschritten? Wo liegen die Tabus?<\/p>\n<p>So setzt die Regierung nun schon seit Jahren zunehmend gegen den Willen der Bev\u00f6lkerung eine aggressive Politik gegen Russland um, beteiligt sich gegen den Willen der Bev\u00f6lkerung zunehmend an internationalen kriegerischen Aktivit\u00e4ten, r\u00fcstet gegen den Willen der Bev\u00f6lkerung massiv auf, von 1,2 auf 1,5 %, wobei schon jetzt von 2 und 2,4 % die Rede ist, die die R\u00fcstungsausgaben k\u00fcnftig betragen sollen. Gegen den Willen der Bev\u00f6lkerung wird die Schulpolitik immer noch auf f\u00f6deraler Ebene gehandhabt, obwohl dies massiv die Freiz\u00fcgigkeit von Familien mit Kindern beschr\u00e4nkt und viele andere negative Auswirkungen auf unsere Schullandschaft hat. Der Dialog mit der Bev\u00f6lkerung wird nicht gef\u00fchrt, eine Kommission wird nicht eingesetzt, Reformen nur millimeterweise vorangetrieben, die Bundesebene betreffend. Auf \u00c4ngste und Sorgen der Bev\u00f6lkerung, die massive Zuwanderung von Vertretern anderer Kulturen betreffend, wird nicht geantwortet, Kritiker dieser Politik abgekanzelt und wom\u00f6glich ausgegrenzt. Kritik an der Politik Israels gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinensern findet sich nur sp\u00e4rlich und ist von unseren politischen Repr\u00e4sentanten \u00e4u\u00dferst selten oder gar nicht zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Nun komme ich zu dem delikatesten und zugleich auch wichtigsten Thema meines Beitrags: der Ausgrenzung. Vertritt jemand bestimmte Auffassungen, \u00e4u\u00dfert vielleicht nur geringf\u00fcgig mit der herrschenden Meinung kollidierende Auffassungen, kann es ihm oder ihr passieren, dass eine pl\u00f6tzliche und vollkommende Ausgrenzung erfolgt. Erstmals wurde uns dies in gro\u00dfem Umfang und exemplarisch an dem bedeutenden Politiker Thilo Sarrazin vor Augen gef\u00fchrt. Seine Gedanken waren nicht hoff\u00e4hig. Sein Buch \u2013 als Grundlage einer konstruktiven Diskussion zu unserer k\u00fcnftigen Bev\u00f6lkerungspolitik gedacht \u2013 wurde ausgegrenzt. Die Kanzlerin sagte sogar \u00f6ffentlich, dass sie es nicht lesen m\u00fcsse und der Vorstand der SPD stellte den Antrag, Tilo Sarrazin auszuschlie\u00dfen, ohne dass auch nur ein einziges Vorstandsmitglied das Buch gelesen hatte. Mehr noch: Herr Sarrazin verlor seinen Job<a href=\"https:\/\/www.marionschneider.com\/wp-admin\/post-new.php?lang=de#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Hier lernten wir, dass es Dinge gibt, die man in Deutschland nicht sagen darf. Sagt man sie trotzdem, geh\u00f6rt man nicht mehr dazu.<\/p>\n<p>Interessanterweise ging die politische Bandbreite dieser Auffassung quer durch alle Parteien von CDU bis zur Partei Die Linke. Da gab es also jemanden, der sich um die Zukunft seines Landes Gedanken machte, der seine \u00dcberlegungen und seine Vorschl\u00e4ge \u00f6ffentlich bekannt gab und sich der Diskussion stellte. Unsere herrschende Politik war jedoch nicht in der Lage, diese Kritik konstruktiv aufzugreifen und wie vorab beschrieben zu einer Verbesserung der Qualit\u00e4t unserer Leistung als Nation weiterzuentwickeln. Den Dialog gab es gar nicht, sondern es gab einen Monolog der Kritiker des Kritikers. W\u00e4re es dabei geblieben, so h\u00e4tten sich die Verteidiger des Kritikers doch noch \u00f6ffentlich zur Wehr setzen k\u00f6nnen. Es blieb jedoch nicht dabei, sondern man grenzte sie aus. Sie sollen nicht dazugeh\u00f6ren. Sie sollen sich nicht mehr \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen, sagten die damaligen politischen Vertreter des Landes quer durch die Bank.<\/p>\n<p>Wenn man es recht bedenkt, so war es doch nur eine logische Folge, dass sich diese Kritik dann in einer eigenen Partei oder Str\u00f6mung ihre Artikulation suchte. Sie ist mit der Ausgrenzung ja nicht verschwunden, sondern als Protestbewegung kanalisiert, als \u201eAlternative\u201c. Die Kritik konnte also nicht zum Teil der herrschenden Politik werden und sich durch Dialog zu einer Verbesserung der Qualit\u00e4t weiterentwickeln. Bis heute ist die herrschende Politik nicht bereit, sich einem systematischen konstruktiven Dialog \u00fcber ihre Politik zu stellen. Sie m\u00f6chte gerne weitermachen wie bisher und m\u00f6chte dabei m\u00f6glichst nicht gest\u00f6rt werden. Sie nutzt ihre Macht, um unliebsame Kritik zum Schweigen zu bringen und\/oder auszugrenzen. Sie ist dadurch ein denkbar schlechtes Beispiel f\u00fcr alle B\u00fcrger dieses Landes. Wie soll dann ein konstruktiver Dialog an der Basis m\u00f6glich ein, wenn die Spitze vorf\u00fchrt, dass es gew\u00fcnscht und angebracht ist, andere auszugrenzen?<\/p>\n<p>Was bedeutet diese oder eine Ausgrenzung? Man geh\u00f6rt nicht mehr dazu. Soziale Ausgrenzung, die auch den Juden oder heute in Deutschland auch muslimischen Bev\u00f6lkerungsteilen gesellschaftlich entgegengebracht wird, kann in schlimmster Folge zum Tod f\u00fchren. Immer jedoch ist die Ausgrenzung mit Scham und Schande f\u00fcr die Ausgegrenzten verbunden, mit Nachteilen und mit Widerst\u00e4nden verkn\u00fcpft. Wer will das schon? Also versuchen doch sehr viele, diese Ausgrenzung zu verhindern \u2013 z. B. dadurch, dass sie ihre Meinung gar nicht erst \u00e4u\u00dfern, obwohl sie der Meinung derer entspricht, die \u00f6ffentlich ausgegrenzt werden. Sie verleugnen ihre Meinung oder Identit\u00e4t. Ist das Demokratie? Wollen wir Demokratie dazu verkommen lassen, dass die herrschende Politik oder die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung entscheidet, wer nicht dazugeh\u00f6rt oder wer ausgegrenzt werden soll? Die Lehre aus der Niederlage von zwei Weltkriegen war es doch, genau Minderheiten sch\u00fctzen und Verfolgten helfen zu wollen. Was ist daraus geworden? Schon wieder hetzen Mehrheiten auf Minderheiten \u2013 und f\u00fchlen sich dabei im Recht und f\u00fchlen sich dabei wohl.<\/p>\n<p>Wenn man sich mit Menschen gleicher Lebensweise und gleicher Auffassungen umgibt, ist die M\u00f6glichkeit von Kritik und Selbstkritik denkbar gering. Gerade dann aber ist eine Konfrontation mit anderen Denk- und Lebensweisen besonders herausfordernd, vielleicht sogar provokativ. Setzt man sich in einer Umgebung von relativ einheitlicher Lebensauffassung nicht aktiv dieser st\u00e4ndigen Herausforderung anderer Auffassungen und Lebensformen aus, so ist auch die Chance, sich selbst kritisch zu sehen bzw. in Frage zu stellen, entsprechend geringer ausgebildet bzw. ausgepr\u00e4gt. Eine selbstkritische Auffassung kann dann h\u00f6chstens entstehen, wenn man von sich aus aktiv und bewusst kritisches Denken lernt und praktiziert. Allerdings wird in der heutigen Bildungslandschaft dieses kritische Denken sehr wenig geschult und gef\u00f6rdert. Immer noch geht es doch vor allem um richtig und falsch, und die M\u00f6glichkeit von verschiedenen Sichtweisen auf dasselbe Ph\u00e4nomen wird sehr viel weniger erlernt. Auch der Wettbewerb um gute oder beste Noten dient nicht dazu, andere Auffassungen oder Lebens- und Denkweisen zu bef\u00f6rdern, sondern setzt auf dieses \u201erichtig\u201c und \u201efalsch\u201c, auf dieses \u201egut\u201c und \u201eschlecht\u201c. Weniger steht dabei im Blickfeld, dass das Gute woanders schlecht und das Schlechte unter anderen Umst\u00e4nden wom\u00f6glich gut sein kann. So kommt es dann auch, dass das Multikulturelle als abgedankt erkl\u00e4rt<a href=\"https:\/\/www.marionschneider.com\/wp-admin\/post-new.php?lang=de#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> und das Uniformelle wieder gesucht wird<a href=\"https:\/\/www.marionschneider.com\/wp-admin\/post-new.php?lang=de#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. In einer globalen und sich immer weiter globalisierenden Welt ist dies jedoch der v\u00f6llig falsche Weg, der zu Z\u00e4unen, Grenzen, Mauern, Abschottungen und noch viel schlimmer zu Ausgrenzungen, Absonderungen, Feindschaften und wom\u00f6glich neuen Kriegen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Der Gedanke der Ausgrenzung stammt in seiner schlimmsten Form aus dem Mittelalter, wo Hexen verbrannt und Kritiker gevierteilt wurden. Man unterstellte ihnen, dass sie mit dem Teufel im Bunde seien. Der Teufel, das B\u00f6se, die B\u00f6sen sollte nicht dazugeh\u00f6ren. Man wollte sie vernichten. Dieser Grundgedanke der Vernichtung des B\u00f6sen und des Teufels f\u00fchrte weiter zur Vernichtung von Unkraut oder Ungeziefer und weiter zur Vernichtung von nicht Lebenswertem und nicht Dazugeh\u00f6rendem. Erst wurden sie ideologisch ausgegrenzt und dann vernichtet. Mit Unkraut und Ungeziefer tun wir es ja beispielsweise heute noch, und wie die Worte schon sagen, ist es dann nicht mehr weit zu Unwertem. Sind wir schon wieder auf diesem Weg?<\/p>\n<p>Da kommen wir zu dem Thema Medien. Die Medien, die eigentlich die Aufgabe haben, unsere Realit\u00e4t m\u00f6glichst objektiv darzustellen, um uns einen Zugang zu der uns umgebenden Wirklichkeit zu erm\u00f6glichen, sind zu Sprachrohren der herrschenden Politik geworden. Sie bewegen sich in genau demselben Minenfeld, in dem sich alle bewegen: bei Fehlverhalten droht der Ausschluss, das Versto\u00dfen werden. Wir sind \u201eder Westen\u201c und haben gef\u00e4lligst geschlossen aufzutreten, m\u00f6glichst einheitlich, m\u00f6glichst einstimmig. Warum? Weil es da offensichtlich die andere Seite, \u201eden Osten\u201c gibt, der uns zunehmend feindlich gegen\u00fcber gestellt wird. Genau dieses Plus-Minus-Denken findet sich auf jeder Seite von Hitlers \u201eMein Kampf\u201c. Geraten wir wieder dorthin? Wir sind gut, wir wissen den Weg, wir sind nachahmenswert. Die, die es wagen, andere Politikformen, einen anderen Staatsaufbau, andere nationale Ideale oder Idole zu haben als wir, der weise Westen, werden hemmungslos kritisiert. Pl\u00f6tzlich gibt es keine Angst mehr vor Kritik, denn hier k\u00f6nnen wir uns wieder einigen. So formt sich das neue Feindbild. Es gibt insofern ein Feindbild nach au\u00dfen \u2013 der Osten \u2013 und ein Feindbild nach innen: die AfD und die noch extremerer Positionen an den R\u00e4ndern der Gesellschaft: Reichsb\u00fcrger, schwarzer Block, Nazis. Nun haben wir doch das gesamte vergangene Jahrhundert gelernt, wohin dies f\u00fchrt. M\u00fcssen wir es noch einmal wiederholen? Die Freude an der Uniformit\u00e4t hat einen hohen Preis: den Krieg. H\u00f6ren wir also auf damit.<\/p>\n<p>Was ist die Alternative, werden Sie jetzt vielleicht fragen. Die Alternative ist ganz einfach: Der ernsthafte Dialog, dass wir miteinander sprechen und uns gegenseitig zuh\u00f6ren. Dass wir die Argumente des anderen ernst nehmen und \u00fcber sie nachdenken. Das wir danach streben, qualifizierte Antworten zu finden und nach den besten L\u00f6sungen \u2013 die besten f\u00fcr alle \u2013 suchen. Dass wir uns nicht mit Gleichgesinnten umgeben, sondern gerade an der Meinung der Andersdenkenden interessiert sind, um zu lernen und unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben noch besser zu gestalten. Solche Prozesse laufen teilweise auf kommunaler Ebene \u2013 und werden doch ganz besonders auf nationaler Ebene gebraucht. Unser politisches System und damit die Steuergelder unserer B\u00fcrger versorgen die Politiker mit allem, was sie brauchen, ohne dass sich die Politiker, einmal gew\u00e4hlt, noch gro\u00df Gedanken um ihre Zukunft machen m\u00fcssen. Sie erhalten ein gutes Gehalt und alles, was sie f\u00fcr eine gute Arbeit brauchen. Sie erhalten Gehaltserh\u00f6hungen in Prozenten und in einer Geschwindigkeit, wie sich die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung dies nur w\u00fcnschen kann, aber nicht erfahren wird. Und am Ende der Politik-Karriere steht dann der Einstieg in eine Karriere in der sogenannten freien Wirtschaft oder in mit der jeweiligen Partei verbundenen Organisationen. Es scheint gerade so, als ob dieses bequeme Leben unserer Politiker und Politikerinnen zu einer immer schlechteren Leistung f\u00fchrt. Auch hier m\u00fcssen wir nachdenken. L\u00e4sst dieses jetzt herrschende politische System \u00fcberhaupt das Streben nach einer guten Qualit\u00e4t zu? Nach den Skandalen in unserem Bankenwesen wie jetzt auch in der Automobilindustrie m\u00fcssen wir uns doch fragen, was hier gerade schief l\u00e4uft. Derzeit besteht jedoch die Gefahr, dass auch diese Diskussion tabuisiert wird und dass niemand sich mehr wagt, \u00f6ffentlichkeitwirksam diese kritischen Fragen zu stellen. Letztlich profitieren alle im und vom politischen System Bezahlten und w\u00fcnschen keine \u00f6ffentliche Diskussion zu diesem delikaten Thema ihrer Privilegien.<\/p>\n<p>Auch das heutige Parteiendenken ist \u00fcberholt: dass man gegeneinander arbeitet statt miteinander, weil man sich als Konkurrenz sieht. Das Zeitalter der Kooperation ist l\u00e4ngst angebrochen. Kleine und mittelst\u00e4ndische Unternehmen wissen das und nutzen die Kooperation als Mittel, um zu \u00fcberleben und ihren Fortbestand zu sichern. Bei den gro\u00dfen Unternehmen ist es oft so, dass Kauf und Verkauf diese Fragen regeln. Eine ungeahnte Monopolisierung und Zentralisierung der gr\u00f6\u00dferen Unternehmen spielt sich vor unseren Augen ab. Damit steigen auch die Macht der Unternehmen und ihre M\u00f6glichkeiten, Politik zu beeinflussen. Mehr als 99 % aller Unternehmen in Deutschland sind kleine oder mittlere Unternehmen. Doch steht deren Interesse nicht im Mittelpunkt unserer Wirtschaftspolitik, obwohl in ihr etwa \u00fcber 60 % der Mitarbeiter t\u00e4tig sind?<\/p>\n<p>Wer wird es in den n\u00e4chsten Monaten oder Jahren wagen, den Dialog mit den Ausgegrenzten \u00f6ffentlich aufzunehmen? Wird sich der Trend zur Ausgrenzung erweitern und versch\u00e4rfen oder wird unsere Gesellschaft sich besinnen und auf die Werte von Vertrauen, Zusammenarbeit, Dialog und Freundlichkeit zur\u00fcckfinden. Sind die herrschenden Parteien \u00fcberhaupt in der Lage, diesen Weg zu beschreiten? Sie verf\u00fcgen \u00fcber alle Privilegien, sich einfach weiter so zu verhalten wie bisher. Es k\u00f6nnte nur sein, dass sich der Protest militanter und massiver \u00e4u\u00dfern wird \u2013 mehr noch, dies ist sehr wahrscheinlich.<\/p>\n<p>So lange die Parteien sich nicht besinnen, liegt es an den B\u00fcrgern selbst, als positives Beispiel voranzugehen. Dies ist sicher mit Mut und sehr viel Anstrengung verbunden. Ich denke aber, wir haben keine andere Wahl. Die Lebenskraft, der Optimismus, das Sch\u00f6pfertum, die Freude und das Gl\u00fcck entstehen aus einem konstruktiven, positiven, die Vielfalt und das Andere respektierenden Zusammenleben. Lernen kann h\u00f6chste Freude bereiten, wenn es nicht mit gut und schlecht, falsch und richtig, sondern mit Erkenntnis und Freude an der Erkenntnis, mit Zusammenarbeit und gemeinsamen Erfolg verbunden ist, mit Unterst\u00fctzung und Solidarit\u00e4t, mit Hilfe und mit Hilfe zur Selbsthilfe. Haben wir das denn ganz vergessen? Wo bleibt eine solche Politik auf Bundes- und Landesebene? Wo bleiben die Vorbilder, die uns die Freude am Leben und den konstruktiven Erfolg, die soziale Hilfe und die Genialit\u00e4t zeigen?<\/p>\n<p>Die Sch\u00f6nheit und das Gl\u00fcck als erf\u00fcllender Zusammenarbeit und gegenseitiger Unterst\u00fctzung kann man nicht nur in Filmen sehen oder in B\u00fcchern lesen, sondern wir alle haben das bestimmt schon mehrmals erlebt. Licht und Liebe erschaffen und erhalten das Leben und das Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>So kommen wir denn zum Titelthema meiner \u00dcberlegungen: Die dunkle Seite des Mondes. Hier findet sich all das Schlimme, Schlechte, B\u00f6se und \u00dcble, was wir nicht sehen, h\u00f6ren, riechen, schmecken und f\u00fchlen wollen. Die andere Seite wird angestrahlt von unserer Presse, bejubelt, beleuchtet und in Szene gesetzt: die Errungenschaften des Westens, unsere glorreiche Demokratie, unsere Menschenrechte, unsere Freiheit und unsere Erfolge. Die Politik will gar nicht mehr h\u00f6ren, dass es auch zu dieser Seite eine dunkle Seite gibt. Sie will sich nur noch in sich selbst sonnen, und die dunkle Seite ist dem Gegner vorbehalten. Das einzige Problem: So funktioniert es nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.marionschneider.com\/wp-admin\/post-new.php?lang=de#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/sarrazin\/die-debatte\/sarrazins-ungelesenes-buch-frau-merkel-sagt-es-ist-alles-gesagt-11038436.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/sarrazin\/die-debatte\/sarrazins-ungelesenes-buch-frau-merkel-sagt-es-ist-alles-gesagt-11038436.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.marionschneider.com\/wp-admin\/post-new.php?lang=de#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/lob-und-empoerung-merkels-multikulti-absage-sorgt-fuer-weltweites-aufsehen-a-723993.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/lob-und-empoerung-merkels-multikulti-absage-sorgt-fuer-weltweites-aufsehen-a-723993.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.marionschneider.com\/wp-admin\/post-new.php?lang=de#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.csu.de\/aktuell\/meldungen\/oktober-2015\/deutsche-leitkultur-statt-multikulti\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.csu.de\/aktuell\/meldungen\/oktober-2015\/deutsche-leitkultur-statt-multikulti\/<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[Foto: www.pixabay.com Pexels]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum zweiten Mal ist mir das jetzt passiert. Einmal am Telefon. Einmal h\u00f6chstpers\u00f6nlich. Beide Male geschahen mir dieses Jahr. Jedes Mal war der Tag f\u00fcr mich danach gelaufen. Ich war wie zerschmettert, meine Motivation auf null gesunken. Ich wollte alles hinwerfen. 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